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Monatsgeschichten - Wissenswertes durch das Jahr

luthiandis antwortete auf Monatsgeschichten - Wissenswertes durch das Jahr

Posted 4 weeks 6 hours ago #14265
Juni

Johannistag

Die Johannisnacht (23./24. Juni) war im Mittelalter eng mit dem kirchlichen Hochfest des Johannistages zu Ehren Johannes des Täufers verbunden und fiel zeitlich mit der Sommersonnenwende zusammen. Die Feuer zur Sommersonnenwende wurden vemutlich im Zuge der Christianisierung umgedeutet, so  dass sich ältere, jahreszeitliche Bräuche mit religiösen Bräuchen miteinander verbanden.

Den Johanni- bzw. Sonnenwendfeuern wurde eine reinigende und schützende Wirkung zugeschrieben. Sie sollten böse Einflüsse abwehren, Krankheiten fernhalten und Fruchtbarkeit fördern. Entsprechend entwickelten sich zahlreiche Rituale wie das Springen über die Flammen oder das Mitnehmen von Glutresten.

 Ebenfals war es üblich, sogenannte Johanniskronen aus Zweigen, Blumen und Kräutern zu flechten, die als Schutz- und Segenszeichen dienten. Auch wurden Johannissträuße gebunden, oft aus Heilpflanzen wie Johanniskraut, denen in dieser Nacht eine besonders starke Wirkung zugeschrieben wurde. 



Johannisstrauß

Zur Johannisnacht (die Nacht vor dem Johannistag) und am Johannistag band man im Mittelalter den sogenannten Johannisstrauß – einen Strauß aus 7 bis 9 Kräutern und Blüten, denen in dieser besonderen Zeit eine starke Schutz- und Heilkraft zugeschrieben wurde.

Typische Pflanzen für einen Johannisstrauß waren:
Kamille, Königskerze, Rainfarn, Haselnusslaub, Melisse, Salbei, Schafgarbe, Odermennig, Margerite und Beifuß – ergänzt durch weitere Kräuter und Blüten, die zur Zeit der Sommersonnenwende in voller Blüte standen.
Die Auswahl war dabei nicht zufällig: Viele dieser Pflanzen galten als heilkräftig, reinigend oder schützend gegen Krankheit und böse Einflüsse. Man glaubte, dass sie in der Johannisnacht – wenn die Natur ihren Höhepunkt erreicht – ihre größte Wirksamkeit entfalten.

Der Johannisstrauß wurde oft:
 - im Haus aufgehängt (zum Schutz)
 - getrocknet und aufbewahrt (für Heilzwecke)
-  oder bei Ritualen - wie dem Räuchern - verwendet
 

 
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luthiandis antwortete auf Monatsgeschichten - Wissenswertes durch das Jahr

Posted 6 days 6 hours ago #14284
luthiandis post=14268 userid=935
Juli

 Sommer, Urlaub und Pilger – Die Wunderblutkirche von Wilsnack

Der Sommer ist da – und damit für viele die Urlaubszeit.

Im Mittelalter konnte man allerdings nicht einfach die Koffer packen und ans Meer fahren. Das Wort „Urlaub“ stammt übrigens vom althochdeutschen urloup und bedeutete ursprünglich die Erlaubnis, sich von seinem Herrn oder Dienst zu entfernen.

Ganz ohne Reisen lebten die Menschen damals aber keineswegs. Wer Zeit, Geld und die nötige Ausdauer besaß, machte sich auf den Weg zu einer Wallfahrt. Sie diente der Buße, der Bitte um Heilung oder einfach dem Wunsch, einem heiligen Ort möglichst nahe zu sein.

Jeder kennt heute Santiago de Compostela. Tatsächlich gehörte es im Mittelalter zu den berühmtesten Wallfahrtszielen Europas. Häufig werden die wichtigsten Pilgerorte des christlichen Abendlandes in etwa so genannt:

Jerusalem – die heilige Stadt und wichtigster Wallfahrtsort der Christenheit.
Rom – mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus.
Santiago de Compostela – das Grab des Apostels Jakobus.
Aachen – mit den bedeutenden Reliquien Karls des Großen und den Heiligtumsfahrten.
Wilsnack – heute Bad Wilsnack in der Prignitz.

Genau diesen fünften Ort möchte ich euch heute vorstellen.

Die Wunderblutkirche von Wilsnack - Eine riesige Kirche in einem kleinen Ort
 
Wunderblutkirche Bad Wilsnack

Wer heute durch die Prignitz im Norden Brandenburgs fährt und den Kurort Bad Wilsnack besucht, wundert sich schnell. Zwischen den Häusern eines vergleichsweise kleinen Ortes erhebt sich eine gewaltige Backsteinkirche. Für die heutige Einwohnerzahl erscheint sie beinahe überdimensioniert.

Doch im Mittelalter war Wilsnack alles andere als ein verschlafenes Dorf. Jahr für Jahr strömten Tausende Pilger aus ganz Europa hierher.
 
Pilgertrinkflasche/ Reisetrinkflasche etwa 1450 

Die Legende vom Wunderblut

Den Anfang nahm alles im Jahr 1383. Der Ritter Heinrich von Bülow, wegen seiner Fehden auch als „Raubritter“ bekannt, verwüstete die Gegend und ließ Wilsnack niederbrennen. Auch die Dorfkirche fiel den Flammen zum Opfer.

Als der Priester nach dem Brand in den Trümmern nach den geweihten Hostien suchte, entdeckte er der Überlieferung nach drei nahezu unversehrte Hostien. Auf ihnen befanden sich rote Flecken, die wie frisches Blut aussahen.

Für die Menschen jener Zeit konnte dies nur ein göttliches Zeichen sein. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Schon bald berichteten Pilger von wundersamen Heilungen, Gebetserhörungen und anderen Wundern, die sie dem Wunderblut zuschrieben. Ob diese Berichte historisch nachprüfbar sind oder der tiefen Frömmigkeit der damaligen Zeit entsprangen, lässt sich heute kaum mehr beurteilen. Unbestritten ist jedoch ihre Wirkung: Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Wilsnack zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Pilger kamen aus England, den Niederlanden, Skandinavien, Böhmen, Polen und aus dem Baltikum. Kaufleute folgten den Pilgerströmen, Herbergen entstanden, Märkte wurden abgehalten und der kleine Ort gelangte zu großem Wohlstand.

 
Urkunde Hostienwunder

Der Bau der Wunderblutkirche

Mit den Einnahmen aus der Wallfahrt entstand die beeindruckende spätgotische Hallenkirche St. Nikolai, die heute als Wunderblutkirche bekannt ist.

Betritt man das Gotteshaus, wird schnell verständlich, weshalb dieser Ort über Jahrhunderte eine solche Anziehungskraft besaß. Das Licht fällt durch die farbigen mittelalterlichen Glasfenster und taucht das Kirchenschiff in eine beinahe mystische Atmosphäre.

Bis heute sind zahlreiche Zeugnisse der großen Wallfahrtszeit erhalten:

der Wunderblutschrein aus dem 15. Jahrhundert,
 

eine der bedeutendsten Sammlungen mittelalterlicher Glasmalerei Brandenburgs,

zahlreiche Grabplatten und sakrale Kunstwerke,

sowie die beeindruckende Raumwirkung der hohen Hallenkirche.

Mit etwas Fantasie kann man sich gut vorstellen, wie einst Pilgerscharen durch das Kirchenschiff zogen. Manche legten Hunderte oder sogar Tausende Kilometer zurück, entzündeten Kerzen, beteten um Heilung, Vergebung oder Schutz für ihre Familien. Für viele war diese Reise die größte Unternehmung ihres gesamten Lebens.

Von der Wallfahrt zur Reformation

Fast 170 Jahre lang strömten Pilger nach Wilsnack. Erst die Reformation setzte dieser Blütezeit ein Ende. Im Jahr 1552 ließ der evangelische Pfarrer Joachim Ellefeld die Wunderbluthostien öffentlich verbrennen, weil er ihre Verehrung als Aberglauben ansah. Damit endete eine der größten Wallfahrten des mittelalterlichen Europas.

Pilgern heute

Auch heute ist Wilsnack noch ein Pilgerort – wenn auch in anderer Form.

Jedes Jahr findet das Pilgerfest statt. Viele Teilnehmer wandern dabei auf dem St.-Anna-Pilgerweg, der unter anderem zur Plattenburg führt – der ältesten erhaltenen Wasserburg Norddeutschlands und ebenfalls ein lohnendes Ziel für Mittelalterfreunde.

Und mit einem kleinen Augenzwinkern kann man sagen: Ganz aufgehört hat das Pilgern nach Wilsnack nie. Einmal im Jahr zieht es Menschen aus vielen Ländern zum „Rave in der Kirche“ in die Wunderblutkirche. Die Beweggründe mögen heute andere sein als vor 600 Jahren – doch Menschen nehmen noch immer weite Wege auf sich, um an diesem besonderen Ort zusammenzukommen.

Vielleicht führt euch eure nächste Sommerreise ja ebenfalls einmal in die Prignitz. Ihr findet dort einen Ort, an dem Geschichte bis heute lebendig geblieben is - und nach dem Besuch der Wunderblutkirche kann man in der Salztherme wunderbar entspannen. 

Danke an die Pfafferin Anna Trapp für die Führung durch diese wundervolle Kirche und seine Geschichte



 
Last Edit:6 days 6 hours ago von luthiandis
Letzte Änderung: 6 days 6 hours ago von luthiandis.

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